Eine Geschichte über Wut und herausfordernde Kinder, zum gemeinsamen Lesen

Kennen Sie das? Eben noch friedliches Spielen, dann Geräusche wie bei einem Gewitter: Wutanfälle, Schreien, zugeknallte Türen, ein Kind, das kaum noch zu erreichen ist. Kinder, die uns herausfordern, bringen Eltern oft an ihre Grenzen. Die folgende Geschichte können Sie gemeinsam mit Ihrem Kind lesen. Danach finden Sie eine kleine Übung und einige Gedanken für Eltern.

Die Geschichte

Am Rand einer kleinen Stadt wohnte ein Junge namens Ben. Er war neugierig, witzig und konnte stundenlang Türme aus Bausteinen bauen. Doch manchmal, wenn ihm alles zu viel wurde, regte sich in seinem Bauch ein kleiner Drache.

Meistens begann es ganz klein. Der Turm kippte um. Die Schwester sagte: „Stell dich nicht so an, es ist doch nur ein Spiel.“ Oder Mama rief zum dritten Mal: „Ziehst du jetzt bitte die Schuhe an?“ Dann wurde Ben heiß, seine Füße stampften, und mit einem lauten Fauchen spuckte der Drache Feuer.

Eines Abends schleuderte Ben ein Kissen durchs Zimmer. Es traf die Lampe, die klirrend zu Boden fiel. Beide erschraken. Mama atmete tief durch, setzte sich neben ihn auf den Boden und sagte erst einmal nichts. Nach einer Weile meinte sie leise: „Dein Drache hat heute ziemlich Feuer gespuckt. Möchtest du hören, was Menschen schon vor sehr langer Zeit über Wut aufgeschrieben haben?“

Ben nickte.

„Es gibt eine uralte Geschichte, die in der Bibel steht. Man kann sie lesen wie ein Märchen, ganz ohne etwas glauben zu müssen. Sie handelt von zwei Brüdern, Kain und Abel. Kain war wütend und gekränkt, weil er sich weniger beachtet fühlte als sein Bruder. In der Geschichte wird er gewarnt, und zwar so: Die Wut lauert wie ein Tier vor der Tür, aber du kannst bestimmen, ob sie das Steuer übernimmt. (1. Mose 4,7, frei wiedergegeben) Kain hörte nicht hin. Er sprach mit niemandem über seinen Schmerz, und am Ende geschah etwas sehr Trauriges.“

„Aber ich will nicht so sein wie Kain“, flüsterte Ben.

„Das musst du auch nicht. Kain war allein mit seiner Wut. Du bist es nicht. Und dein Drache ist nicht böse. Er will dir etwas sagen.“

„Was denn?“

„Dass etwas weh tut, ungerecht ist oder zu viel wird. Wollen wir lernen, ihm zuzuhören?“

Gemeinsam erfanden sie einen Plan: Wenn es im Bauch grummelt, sagt Ben „Stopp“. Er atmet dreimal tief ein und langsam aus, wie ein Drache, der Rauchringe pustet. Er nimmt seinen Ruhestein in die Hand. Er malt den Drachen oder geht zu Mama oder Papa und sagt: „Mein Drache grummelt.“

Es klappte nicht immer. Manchmal spuckte der Drache immer noch Feuer. Aber Ben erholte sich jedes Mal schneller, und danach redeten sie, räumten auf und machten es wieder gut.

Mit der Zeit wurde der Drache zu einem Wächter, der Ben sagte: „Achtung, hier stimmt etwas nicht. Sag, was los ist.“ Und Ben lernte, genau das zu tun.

Und die Moral?

Wut ist kein Zeichen dafür, dass ein Kind „böse“ ist. Sie zeigt, dass etwas weh tut, zu viel wird oder sich ungerecht anfühlt. Kinder können lernen, mit ihr umzugehen, wenn Erwachsene sie nicht fürchten, sondern gemeinsam mit ihnen verstehen.

Den Drachen bezähmen: Der Ruhestein

  • Einen kleinen, glatten Stein (draußen gefunden oder selbst bemalt)
  • Einen ruhigen Platz

So geht’s:

  1. Der Stein ist der Ruhestein. Ihr Kind kann ihm eine Farbe oder ein Gesicht geben.
  2. Lassen Sie Ihr Kind sich bequem hinsetzen, den Stein in die Hand nehmen und die Augen schließen.
  3. Es atmet durch die Nase ein und zählt bis 4, atmet durch den Mund aus und zählt langsam bis 6. Das wird dreimal wiederholt. Atmen Sie gern mit.
  4. Fragen Sie, wie sich der Stein anfühlt: kalt oder warm, glatt oder rau, leicht oder schwer.
  5. Ihr Kind sagt leise oder in Gedanken: „Ich spüre meinen Drachen. Ich atme. Ich sage, was los ist.“
  6. Dann öffnet es die Augen und fragt sich: Was brauche ich jetzt? Vielleicht eine Umarmung, ein Wort, Bewegung, ein Bild oder einfach ein bisschen Ruhe.

Für Eltern: Was hinter herausforderndem Verhalten stecken kann

Verhalten, das uns herausfordert, ist oft eine Botschaft. Kinder haben manchmal noch keine Worte für Gefühle wie Überforderung, Eifersucht, Angst oder Traurigkeit und zeigen sie dann über Verhalten. Aus systemischer Sicht lohnt auch ein Blick auf das Zusammenspiel in der Familie: Was verändert sich gerade (Schule, Geschwister, Trennung, Stress der Eltern)? Wie reagieren alle aufeinander?

Was im Alltag helfen kann:

  • Zuerst beruhigen, dann besprechen: Im Sturm erreichen Worte kaum. Später ist das Gespräch leichter.
  • Gefühle benennen: „Du bist sehr wütend, weil dein Turm eingestürzt ist.“ Das hilft Kindern, ihre Gefühle einzuordnen.
  • Klare, freundliche Grenzen: Gefühle sind in Ordnung, Schlagen und Werfen nicht.
  • Das Gelungene beachten: Loben Sie die Momente, in denen es gut geklappt hat.
  • Auf sich selbst achten: Wer selbst erschöpft ist, hat es schwerer, ruhig zu bleiben. Auch Eltern dürfen Pausen und Unterstützung haben.

Wann Unterstützung sinnvoll sein kann

Wenn die Wutanfälle sehr häufig oder heftig sind, der Familienalltag stark belastet ist, Ihr Kind sich selbst oder andere verletzt oder Sie sich ernsthaft Sorgen machen, kann Unterstützung entlasten. Das muss nicht heißen, dass etwas „falsch“ läuft. Im Gespräch schauen wir gemeinsam auf Ihr Kind, auf die Familie und auf das, was schon gut gelingt. Bei Verdacht auf körperliche Ursachen oder bei anhaltenden Auffälligkeiten empfiehlt sich zusätzlich eine ärztliche Abklärung, zum Beispiel durch die Kinderärztin oder den Kinderarzt.

Wie ich Sie begleiten kann

Als Heilpraktikerin für Psychotherapie bin ich in Systemischer Kinder- und Jugendlichentherapie ausgebildet. In der Arbeit mit Kindern nutze ich Methoden nach Alfons Aichinger, darunter Psychodrama, Teilearbeit und Symbolspiel.

Kinder können über ihre Gefühle oft noch nicht sprechen, und Fragen wie „Warum bist du so wütend?“ führen häufig ins Leere. Ihre Sprache ist das Spiel. Mit Figuren, Symbolen und Rollen können sie ausdrücken, was in ihnen vorgeht: Sie zeigen zum Beispiel ihren „Vulkan“ als eigene Figur, geben ihm einen Namen und entdecken, was er braucht. So können Kinder auf ihre Weise erleben und verstehen, ohne etwas erklären zu müssen. Dieser Zugang kommt der Art entgegen, wie sie die Welt wahrnehmen. Sie als Eltern beziehe ich dabei mit ein. Gern besprechen wir im kostenlosen telefonischen Erstgespräch, was für Ihr Kind und Ihre Familie passt.

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